Alt trifft neu

Systemkameras sind auf dem Vormarsch und erzielen Abbildungsleistungen vergleichbar zu Spiegelreflexkameras. Passend zu hochauflösenden Sensoren werden hervorragende Optiken angeboten, die den optischen Leistungen des Sensors zuspielen. Aber was passiert, wenn alte und weniger wertige Objektive an moderne Spitzenkameras betrieben werden?

Ich verwende sehr gerne Festbrennweiten. Natürlich geht es um die Abbildungsqualität und auch um die Lichtstärke dieser Objektive. Viel wichtiger ist mir aber folgender Punkt. Der Bildwinkel eines Objektivs und damit die Brennweite ist einer der wichtigsten Aspekte der Bildkomposition. Folglich ist die Brennweite mit Bedacht auszuwählen. Eine kurzer, unbedachter Dreh am Zoom-Ring ist in dieser Hinsicht kontraproduktiv.Nun spiele ich mit dem Gedanken für meine Fujifilm XT-2 das hervorragende 56mm F1.2 Objektiv zu kaufen. Fujifilm ruft dafür einen angemessenen Preis auf. Darüber muss man in der Tat einen Moment nachdenken. Angeregt durch einen aktuellen Artikel in einem Fotomagazin, habe ich nun aber einen alternativen Weg ausprobiert. Ich habe ein Zenit Helios F44M-6 mittels einem M42-Adapter angeschlossen. Das Objektiv ist im Internet recht intensiv beschrieben und extrem günstig zu erstehen. Wie viele russische Nachbauten deutscher Produkte handelt es sich auch hier um eine Kopie. Die fotografischen Ergebnisse von Original und Kopie weichen allerdings erheblich voneinander ab. Das Helios-Objektiv 58mm F1:2 ist so etwas wie die Antithese zur Fujifilm-Optik. Richtig gut kann es eigentlich gar nichts. Es ist nicht besonders lichtstark, es löst nicht sehr hoch auf, es verzerrt merklich und es ist auch nicht scharf.

Warum also dieses Objektiv? Weil es Spaß macht. Es verleiht den Fotos einen wunderschönen, unperfekten und analogen Look. Trotz einer Offenblende von F2 zeigt das Objektiv ein starkes Bokeh. Einmal ausprobiert, weiß man sofort, warum das Objektiv den Spitznamen „Swirly-Bokeh“ trägt. Alle Spitzlichter im unscharfen Bereich werden kreisförmig überzeichnet. Die Haptik des Objektivs ist für das heutige Empfinden ebenfalls ein Erlebnis. Immerhin handelt es sich um ein Vollmetallgehäuse. Den Fokusring kann man drehen und drehen, bis man an den Anschlag gerät. Das präzise Scharfstellen ist damit wesentlich einfacher als bei modernen Objektiven, deren Fokussierung auf einen schnellen Autofokus getrimmt sind. Trotz des M42-Adapter kann die Adapter-Objektiv-Kombination auf unendlich einstellen. Die Kamera kann auf Zeitautomatik oder im manuellen Modus betrieben werden. Schaltet man die Kamera auf manuelle Fokussierung (was man natürlich muss), so kann immerhin das Fokuspeaking oder der digitale Split-Field-Indikator als Fokussierhilfe benutzt werden. Also kurzum. Meine XT-2 in Verbindung mit dem Helios 44m fühlt sich an, wie meine alten analogen Kameras und erzeugt auch Fotos, die an analoge Aufnahmen erinnern.

Ob, man ein solches Experiment wagen möchte und komplett manuell fotografieren möchte, muss Jeder selber wissen. Ob man technische Mängel des Objektivs als interessanten Bildlook interpretieren möchte, sollte auch Jeder für sich selbst bewerten. Ich jedenfalls habe sehr viel Spaß an der Sache und würde immer den Rat geben, € 50,- in die Hand zu nehmen und so etwas einmal ausprobieren. Es fühlt sich gut an, ist irgendwie hip, klappt ganz gut und bringt einen näher ans fotografische Handwerk. Bis es richtig problemfrei klappt, muss ich aber auch noch etwas trainieren. Ich habe doch eine rechte hohe Anzahl an Fotos falsch fokussiert. Darüber bin ich erstaunt, weil manueller Fokus an meiner XT-2 für mich nichts neues ist.

Auf meiner Facebook-Seite gibt es ein paar Beispiele:

https://www.facebook.com/juergenwinkels.fotografie/

Also viel Spaß beim Nachmachen!